Veröffentlicht in Ge(er)lesenes aus Norwegen, Oppland, Südnorwegen

Leben mit der Katastrophe von Tschernobyl

 

Randi Ø.  hebt ein kleines, graues Zicklein hoch. Es zappelt und streubte sich, aber im Arm der jungen Frau lässt es sich gerne am Köpfchen kraulen. Um sie herum wuseln die kleinen grauen oder weissen Kerlchen und meckern leise mit den noch zarten Stimmchen. Sie sind rund eine Woche alt. In einem Monat sollen sie auf die Sommerweiden im Gebirge. Dort bleiben sie bis in den Herbst hinein und fressen das beste,  reinste Almfutter, sollte man glauben.
Aber vor genau 30 Jahren geschah etwas, was die Region um den Gebirgsort Vang, 700 m hoch gelegen, am härtesten getroffen hat, das Atomreaktorunglück in Tschernobyl. Ausgerechnet zu dieser Zeit kam der Wind aus südöstlicher Richtung und es regnete große Mengen des radioaktiven Stoffes Cäsium-137 über dem Valdres, Jotunheimen,  Nord-Trøndelag und Nordland.
Das ganze Gebiet wurde mit den höchsten Werten im ganzen Land radioaktiv verseucht.

Randis Eltern erinnern sich noch genau an das Unglücksjahr 1986 und dass sie erst über den Wetterbericht  von dem radioaktiven  Niederschlag erfuhren. Im Sommer und Herbst nahm  die Nahrungsmittelaufsicht Messungen vor, um die Auswirkungen auf die Weidetiere zu prüfen.
In ganz Norwegen wurde damals Fleisch von 100.000 Schafen und das ganze Rentierfleisch von  dem südlichen Teil des Saltfjellet vernichtet.
Randis Eltern lebten in der siebten Generation auf dem Hof und bis zu dem Atomunfall ernährte er sie, ohne einen zusätzlichen Job annehmen zu müssen. 1986 waren die Kinder noch klein und mit diesem radioaktiven Niederschlag wuchs die Besorgnis. Bei den Messungen stellte sich heraus, dass es vor allem die Sommerweiden und nicht den Bauernhof erwischt hatte. Sie wussten, dass nun viel Extraarbeit aufgrund des radioaktiv verseuchten Bodens auf sie zukommen würde, aber aufgeben war nicht.  Die Weidetiere konnten nach dem Almabtrieb mit nicht verseuchten  Futter vom Hof auf normale Werte gebracht werden. Je mehr Becquerel sich bei den Messungen ergaben, desto länger musste unten im Hof im Herbst gefüttert werden. Das verursachte erheblich höhere Kosten für Futtermittel. Die Bauern erhielten seitdem dafür pro Tier und pro Tag 6 Kronen Entschädigung für diesen  Mehraufwand.
Vor dem Unfall wurden die Tiere im Herbst eingefangen und ins Tal gebracht. Danach mussten sie auch im Sommer eingefangen werden, um ihnen spezielle Tabletten aus Deutschland zu verabreichen. Es handelt sich um „Radiogardase“ das alte „Preußischblau“. Das Mittel bindet das schädliche Cäsium -137 im Körper der Tiere und scheidet es aus.

(Infos zu Radiogardase hier:)
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/berliner-firma-ein-medikament-gegen-caesium/3974760.html

Als 1986 der Niederschlag kam, legten sich die radioaktiven Stoffe auf die Oberfläche der Pflanzen, Laub und Wasser und führten zu dem hohen Niveau in der Natur. Speziell wurden in Pilzen, Süßwasserfischen , Rentieren und im Fleisch und der Milch bei den Weidetieren so hohe Werte gemessen. Der radioaktive Niederschlag bestand aus einer Reihe von Stoffen. Die meisten haben kurze Halbwertszeiten, Cäsium-137 dagegen hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren, das heisst, wenn 1000 Cäsium-137 Atome vorhanden sind, dann werden innerhalb von 30 Jahren 500 davon zu Barium-137 umgewandelt. Von den verbleibenden 500 Cäsium-137-Kernen werden in den nachfolgenden 30 Jahren 250 umgesetzt.

Barium-137 hat eine Halbwertszeit von 2.55 Minuten. Da dieser Prozess schnell stattfindet, lässt sich vereinfacht sagen, dass der Zerfall eines Cäsium-137-Atomes somit von β-Strahlung als auch γ-Strahlung begleitet ist.

Das Hauptproblem bei Cäsium-137, das in Form von Salzen vorliegt, ist seine hohe Wasserlöslichkeit. Die Cäsium-137-Ionen verteilen sich daher gut im Körper und insbesondere im Muskelgewebe. Die biologische Halbwertszeit (Half-Life) beträgt dann 70 Tage. Das heisst, nach 70 Tagen ist die Hälfte des Cäsiums wieder ausgeschieden.

30 Jahre sind vergangen und nach wie vor muss die Familie mit den Konsequenzen des Atomkraftunglücks auf dem Bauernhof leben.
Es wird damit gerechnet, dass die Bauern mit diesen kontaminierten Böden mit dem Nachfüttern auf dem Hof und der Verabreichung von Tabletten im Sommer noch 20 bis 30 Jahre leben müssen, bis die Böden frei von Radioaktivität sind. Und das wird von Jahr zu Jahr variieren. 2015 waren die Messungen niedrig, da ein kalter Sommer war. Wiederum 2014 lagen die Werte in dem  warmen  Sommer sehr hoch und förderten ein gutes Wachstum von Pilzen. Sie saugen das Cäsium-137 besonders auf.   Leider mögen Weidetiere besonders sehr gerne Pilze.
Randi (28), die Erbin des Hofs, war damals noch nicht geboren. Sie wuchs mit dem Tschernobyl-Erbe auf und kennt nichts anderes.
Trotz der noch Jahre andauernden Mehrarbeit,  sieht sie nicht schwarz in die Zukunft, wenn sie den Hof einmal übernimmt.
Jedes Jahr im Herbst ist sie gespannt, wie lange die Tiere im Hof gefüttert werden müssen, bis die schädlichen Werte abgesenkt sind.

Randi setzt das kleine Zicklein wieder auf den Boden, schnell flitzte es wieder zu seiner meckernden Ziegenmama. Die junge Frau musste lächeln.

Quelle: NRK

Beitragsbild: Flickr C.Sven Glomme

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